Zur Ehrenrettung des Kompromisses

Eine Frau mit Schreibblock und ihr Kollege unterhalten sich an einem Stehtisch

Der erarbeitete und gelebte Kompromiss scheint aus der Mode gekommen zu sein. Erinnern Sie sich auch an lebhafte Diskussionen, lange Dialoge und das Erleben, dass die Anderen am Tisch an Ihrer Position und Erfahrungen interessiert sind?

Der Kompromiss hat keinen besonders guten Ruf. Man zieht den Konsens vor. Langsam wundere ich mich, dass sich nicht der Begriff fauler Konsens etabliert, wenn ich sehe, dass vor lauter "konsensieren" oft nur faule Kompromisse rauskommen.

Mir fehlt oft der demokratische Diskurs, das Sich-Zusammenraufen, das Einlassen auf die Sichtweise des/der Anderen, das genaue Hinhören, das Überprüfen der eigenen Position und der Güte der eigenen Argumente, der letztlich alle Beteiligten mitnimmt. Entscheidungen, die eine größere oder kleinere Gruppe betreffen, werden nicht von einer herrschenden Elite, einer machthabenden Person oder einem „alternativlosen Sachzwang“ aufgezwungen, sondern über Aushandlungsprozesse gefunden. 

Ja, und manchmal geht es nicht anders als sich einzugestehen: “we agree to not agree”. Oder wie der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach mal gesagt hat: „Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann, und wichtige Dinge.“ 

Was ist denn die Alternative zum gemeinsam erarbeiteten Kompromiss, der Zeit braucht und unwirtschaftlich erscheint, aber mehr Beteiligte mitnimmt? Oft leider das Bestimmen von kleinen und großen Machthabern mit eigenen Interessen und wenig Fokus auf langfristigen Zufriedenheiten und demokratischen Ergebnissen.

Ihre

Lisbeth Koller