Interkulturelle Kommunikation ist der Schlüssel

Veronika Fehlinger, MSc. ist unsere Expertin für Interkulturelle Kommunikation seit Jahren.
Wir haben ihr vier wichtige Fragen zum Thema gestellt.

FAB Organos: Was begeistert Dich an der Interkulturellen Kommunikation?

Veronika Fehlinger, MSc.: Interkulturelle Kommunikation ist komplex und ein breites Thema, das viele Aspekte aufweist und unter Gesichtspunkten der Soziologie, Politik, Geschichte, Ethnologie, Philosophie, Linguistik oder Wirtschaft betrachtet werden kann. Meine Vorliebe zur interkulturellen Kommunikation kristallisierte sich während meiner Weltreise vor 20 Jahren heraus, die mich auf alle Kontinente führte. Zurück in Österreich beschloss ich, mich für Migrant*innen einzusetzen und das hat mich mein gesamtes berufliches Leben begleitet. Ich kenne die Thematik aus der Sicht einer Deutschlehrerin für Deutsch als Fremdsprache, als Mitarbeiterin in diversen Integrations- und arbeitsmarktpolitischen Projekten, als Trainerin für interkulturelle Kompetenz und aus der Beschäftigung mit theoretischen und wissenschaftlichen Texten im Rahmen meiner Masterthesis, die ich zu einem interkulturellen Thema verfasst habe.

Diese Vielfalt der Perspektiven ist charakteristisch für die Thematik selbst und das finde ich immer wieder spannend. Für mich ist der Aufbau von interkultureller Kompetenz vergleichbar mit dem Erlernen einer Fremdsprache – du bist nie ganz „fertig“ damit, du kannst immer noch mehr lernen und wirst immer deinen eigenen Akzent behalten. So lernst du mit jeder Begegnung, mit jeder Reise, mit jedem Seminar oder mit jedem Buch, kurz – mit jeder Beschäftigung mit einer Welt, die dir vielleicht als „anders“ oder „fremd“ erscheint, wieder mehr. Gleichzeitig verändert es deinen Blick auf deine eigene Kultur, auf die Sitten und Gebräuche, mit denen du aufgewachsen bist. Es relativiert die Sicht auf die Dinge, es lässt dich über den Tellerrand blicken und erkennen, dass deine Welt nur eine von vielen ist. Die Beschäftigung mit interkulturellen Themen empfinde ich als bereichernd, es fördert den Blick auf der Meta-Ebene und das Verständnis für die größeren Zusammenhänge, das begeistert mich.

In meinen Seminaren zum Thema „Interkulturelle Kompetenz“ ist es mein Ziel, das Verständnis für diese komplexen Zusammenhänge zu vertiefen und die Kultursensibilität meiner Kund*innen zu erweitern. Tragende Säulen sind dabei die Reflexion der eigenen kulturellen Werte, breit gefächertes kulturspezifisches Hintergrundwissen, theoretische Kulturmodelle um systematisiert Kulturvergleiche darzustellen und die Einbindung von Co-Trainer*innen, die selbst mehrheimisch sind bzw. einen sog. „Migrationshintergrund“ haben.

FAB Organos: Wie gelingt der Praxistransfer in deinem Seminar?

Veronika Fehlinger, MSc.: Im Zentrum stehen meine Kund*innen mit ihren unterschiedlichen Vorerfahrungen, Haltungen und eigenen Praxisfällen zur Thematik, die ich von Anfang an durch verschiedene Methoden wie soziometrische Aufstellungen, Partner*innen-Interviews, Fragebögen oder offene Gruppendiskussionen sichtbar und besprechbar mache. Der vielbemühte Ansatz „die Teilnehmenden dort abholen, wo sie sind“ ist hier das Ziel. Der Praxistransfer gelingt laufend während des gesamten Seminars, wenn die angebotenen Themen und (Praxis)-Beispiele an der Lebensrealität der Teilnehmenden anknüpfen und damit die Inhalte individuell für sie relevant sind. Daher ist ein wichtiger Bestandteil jeden Seminars das Einbringen der eigenen Praxisbeispiele, sei es durch eine offene Diskussions- und Fragerunde oder durch die Variante der „Kritischen Ereignisse“, eine Methode, die eine strukturierte Reflexion problematischer, aber auch positiver interkultureller Interaktionen erlaubt.

Am Ende einer tiefergehenden Übung oder eines Gastvortrags stelle ich die Frage, inwiefern die soeben gemachten Erfahrungen oder gehörten Inhalte einen Einfluss auf den eigenen Arbeitsbereich haben könnten und rege damit zur Reflexion über den Praxistransfer an. Dabei ist oft auch die Gruppe hilfreich, es entsteht ein gemeinsames Weiterdenken und Nachdenken über den eigenen Arbeitsalltag. Eine beliebte Frage ist auch, woran zu erkennen wäre, dass die Umsetzung der soeben gehörten Inhalte eine Auswirkung auf den eigenen Arbeitsbereich haben könnte. Jedes Seminar beende ich mit dem „Koffer packen“. Hier sind die Teilnehmenden nochmal aufgerufen, auf Moderationskarten konkret zu benennen, was sie sich aus dem Seminar mitnehmen können, aber auch das, was sie hierlassen. Das ist unglaublich lohnend, weil es das ganze Spektrum der Gruppenerfahrung und meist einen großen Reichtum an neuen Ein- und Ansichten sichtbar macht.

FAB Organos: Gibt es von Teilnehmenden Fragen, die in jedem Seminar immer wieder kommen?

Veronika Fehlinger, MSc.: Ein verständlicher Wunsch vieler Kund*innen ist die Vermittlung von rezeptartigen Handlungsanweisungen. Die individuelle Einzigartigkeit von Personen und Situationen in ihrem systemischen Kontext erlaubt aber keine eindimensionalen Antworten im Sinne von Dos and Don’ts. Die Herausforderung ist, eine angemessene Balance zwischen der Notwendigkeit der kollektiven Zuschreibung und der Perspektive der individuellen Einzigartigkeit zu finden. Ein Beispiel dafür ist die Kopftuchdebatte, ein Dauerbrenner, der in keinem Seminar fehlt. Die Meinungen darüber sind so unterschiedlich, wie die Gründe, warum Frauen ein Kopftuch tragen. Fragen zum Islam kommen häufig, weil die religiösen Vorgaben einen Einfluss auf die Arbeitsabläufe meiner Seminarteilnehmer*innen haben, sei es im Sozial- Gesundheits- Bildungs- oder Verwaltungsbereich.

FAB Organos: Woran erkennst Du, dass bei Teilnehmenden, die mit Vorbehalten kamen, sich eine Einstellung zum positiveren gewendet hat?

Veronika Fehlinger, MSc.: Wenn am Ende des Seminars die Rückmeldung kommt, dass es doch sehr interessant war, dass etwas Neues gehört und erfahren wurde. Die Einstellung wird auch durch die Körpersprache sichtbar. Wenn ich sehe, dass eine offene Körperhaltung, ein interessierter Blick und lebendiges Nachfragen sich bei Seminarteilnehmer*innen zeigen, die am Anfang mit verschlossener Körperhaltung und niedergeschlagenem Blick dasaßen, dann ist das auch ein Signal, dass sich das allgemeine Verständnis zur Thematik vertieft hat, dass sie sich etwas aus dem Seminar mitnehmen konnten, das ihren Arbeitsalltag erleichtert. Das freut mich ganz besonders, denn meine Kund*innen wachsen zu sehen ist mein größter Lohn.

Vielen Dank, liebe Veronika, für dieses Gespräch :)