Ganz normal schwer

Dipl.-Des. Anke Schünemann, MSc.

Diesen Artikel schrieb unsere Kollegin Anke Schünemann für das Magazin der gfk oö - Gesellschaft für Kulturpolitik.

Es geht um den Einsatz einer leicht verständlichen Sprache.

Die gfk oösenden Ihnen sicher gerne ein persönliches Exemplar zu.

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Ganz normal schwer

 

Stören Menschen, die schwerer verstehen? 

Fast ein Viertel der österreichischen Bevölkerung kann nur unzureichend lesen und schreiben. Das sind rund 2.000.000 Menschen, die Schwierigkeiten haben eine Qualitätszeitung oder ein Buch zu lesen, Formulare auszufüllen, Gesundheitsratgeber zu verstehen, Kulturtipps zu folgen oder betriebliche Informationen zu beachten. Ganz zu schweigen von Packungsbeilagen, Gebrauchsanweisungen oder Verträgen.

Fast alle veröffentlichten Texte nehmen darauf keine Rücksicht. Das Ergebnis: Texte werden weder gelesen noch verstanden.  Rezipient*Innen fühlen sich überfordert und auf jeden Fall nicht gemeint, sie geben auf und was sie nicht merken ist, dass ihnen damit letztlich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sehr schwer bis unmöglich gemacht wird. Denn nur wer versteht kann mitdenken, eine eigene Meinung bilden, weitere Fragen stellen und einen Prozess mitgestalten.

Das betrifft Menschen mit Behinderung, jene mit Lernschwierigkeiten, Personen mit rudimentären Deutschkenntnissen und alle, die Lesen kaum geübt haben, nachdem sie es einmal konnten. Dazu kommen noch funktionale Analphabeten, diese Gruppe alleine umfasst angeblich schon fast eine Million Personen in Österreich.

Wer profitiert vom Recht auf Information und Teilhabe?


Österreich hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die beinhaltet, dass auch Informationen barrierefrei sein sollen. Damit soll die Teilhabe an der Gesellschaft gewährleisten werden. Informationen barrierefrei zu machen hat viele Dimensionen, z.B. Sprache, Brailleschrift, Barrierefreies Multimedia, Auditive Formen, Barrierefreie Informations- und Kommunikationstechnologie, Texte in Leichte Sprache.

Auch wenn hier Menschen mit Beeinträchtigungen im Fokus stehen ist schnell klar, welche Vorteile sich für alle anderen oben beschriebenen Personen ergeben. Der Einsatz einer leicht verständlichen Sprache macht es sehr viel mehr Menschen möglich zu verstehen, besser und leichter zu leben und an der Gesellschaft teil zu haben.

Was ist Leichte Sprache?

Das Regelwerk für das Sprachsystem Leichte Sprache umfasst alles, was das Lesen und Verstehen leicht macht. Es gibt Regeln für Verständlichkeit, Lesbarkeit, Layout, Produktion, etc.
 Barrierefreie Informationen in Leichter Sprache sind im Sprachniveau A1-B1 verfasst, je nach Zielgruppe. Dabei handelt es sich nicht um eine Raketenwissenschaft, das kann jede und jeder lernen und vor allem üben. Vorausgesetzt, man ist willens und in der Lage, sich auf diese Zielgruppe einzustellen. Stellt sich die schreibende Person vorher die Frage »Möchte ich verstanden werden?« und beantwortet sie mit »Ja«, nimmt sie den zusätzlichen Ressourcenaufwand in Kauf und übt das Schreiben ein wenig neu, steht einem leicht verständlichem Text nichts mehr im Wege.

Für wen schreiben wir?

In der Regel wird wie für ein Fachpublikum geschrieben, ganz normal schwer eben. Schreiber*innen und Herausgeber*innen wollen als Experte und Expertin ihres Fachs erscheinen und das Verständnis eines Textes wird der Zuhörerschaft überlassen. Viele sind sich Ihrer Zielgruppe auch gar nicht bewusst, oder es wird Rechtsverbindlichkeit vorgeschoben.

Wie gelangt ein Text in eine leicht verständliche Version?

Normal schwere Texte können von Fachkräften übersetzt oder gleich in Leichter Sprache verfasst werden. Produkte leicht lesbar und verständlich zu machen, ist immer ein zusätzlicher Aufwand. Übersetzungen kosten Geld, Printprodukte können umfangreicher werden, Abstimmungszeiten und Testschleifen ziehen Produktionszeiten in die Länge. Dann fragt schnell jemand: Lohnt sich das? Was im Grunde bedeutet: das stört den Normalfall.

Es tauchen also zu Beginn in der Auseinandersetzung mit der Leichten Sprache viele Fragen auf. Stören Menschen, die die »schwere Sprache« nicht oder nur schwer verstehen? Ist das Verstehen eines Textes die Angelegenheit der lesenden Personen oder derer, die den Text herausgeben? Ist es zu viel verlangt, sich an denen zu orientieren, die es einfacher brauchen? Was müsste passieren, bis Sie Geld dafür in die Hand nehmen, Ihre Publikation in eine leicht verständliche Sprache übertragen zu lassen? Wären Sie bereit, Ihr Corporate Design auf Leichte Sprache Tauglichkeit prüfen zu lassen? Fürchten Sie Imageverlust beim Verfassen Ihrer Texte und Produkte auf ein niedrigeres Sprachniveau? Stellen sich Herausgeber*innen die Frage: Von wem möchte ich verstanden werden? Und ist ihnen die Dimension der Macht über die Teilhabe klar?

Eine Frage der Solidarität, der Gnade oder einfach der Zielgruppenorientierung?

Menschen, die schlecht lesen und verstehen können, als Störung zu empfinden, ist eine Haltungssache. Die Rollstuhlrampe vor einem öffentlichen Gebäude wird inzwischen als normal erlebt. Irgendwann wird es auch selbstverständlich sein, dass die im Gebäude angebotenen Texte auch in leicht verständlicher Form zur Verfügung stehen. Das kann auch bedeuten, dass Texte in verschiedenen Niveaus geboten werden. Die Kundschaft wählt selbst.

Es ist ganz einfach. Ich mache meinen Job als Texterin richtig, wenn die von mir angesteuerten Rezipient*innen meinen Text positiv annehmen, weil sie ihn verstehen. Ich bin dafür verantwortlich, dass sie alle nötigen Informationen haben, die sie brauchen, um ihre Schlüsse daraus zu ziehen und handeln zu können. Dieses Ergebnis ist gewährleistet, wenn ich von Beginn an meine Zielgruppe im Fokus habe und dementsprechend schreibe.

Der Einsatz einer leicht verständlichen Sprache ist kein Minderheitenprogramm und somit stört eigentlich niemand. Bis das verstanden wurde, dauert es nur noch ein bisschen.