Lebens- und Sozialberatung - wichtig wie eh und je

Bei FAB Organos sind wir immer in intensivem Austausch mit unseren Trainerinnen und Trainern. An dem Gespräch von Lisbeth Koller , Leiterin von FAB Organos mit Sylvia Kabelka, der Lehrgangsleiterin für den Diplomlehrgang Lebens- und Sozialberatung,  möchten wir Sie gerne Teil haben lassen.

 

 

 

 

 

 

 


Lisbeth Koller: Sylvia, Spanien/Katalonien ist derzeit in aller Munde. Du hast 15 Jahre in Spanien gelebt und gearbeitet. Was unterscheidet die Arbeit eines/einer LSB in Spanien und in Österreich?

Sylvia Kabelka: Die Arbeit an sich ist grundsätzlich dieselbe. Das heißt, als LSB stehe ich meinen KlientInnen mit den beraterischen Werkzeugen zur Verfügung, die ich mir über die Jahre aneignen konnte. Mindestens so wichtig wie die eingesetzten Methoden und Interventionen ist aber mein Menschsein. Es geht um meine innere Haltung, meine Bereitschaft, mich auf Augenhöhe mit meinen KlientInnen in Beziehung zu setzen, meine Kohärenz im Denken, Fühlen und Tun. Ohne diese Grundlage bleibt alles Können fruchtlos.

Die Unterschiede, die ich zwischen der Situation in Spanien und der in Österreich sehe, liegen vor allem in den Themen, mit denen das Gros der Bevölkerung in den letzten Jahren konfrontiert war und immer noch ist. Die Wirtschaftskrise hat Spanien seit 2008 auf das Härteste getroffen, die Zahl der Arbeitslosen lag 2013 bei über 26% (wobei die Jugendarbeitslosigkeit mehr als 50% betrug) und liegt aktuell bei immer noch mehr als 17%.
Dazu kommt in den letzten Monaten eine gesellschaftliche Krise, wie sie seit dem Spanischen Bürgerkrieg nicht mehr dagewesen ist. Es geht um Identität und Weltanschauung, um die Grundlage des Zusammenlebens im Land. Der Ausgang dieser Umwälzungen ist noch ungewiss.

Das heißt, viele der Themen, die Menschen aktuell dazu bewegen, Beratung zu suchen, sind echte Überlebensthemen. Menschen suchen effektive Hilfe in möglichst kurzer Zeit, Beratungsprozesse umfassen oft nur wenige Sitzungen. Eine besondere Schwierigkeit ist dabei auch immer wieder die Finanzierung dieser Beratungseinheiten. Je nach Bevölkerungsschicht liegen die Preise daher wesentlich unter den in Österreich üblichen und in besonderen Härtefällen haben meine Kolleginnen und ich auch gratis gearbeitet.

 


Warum ist aus deiner Sicht der LSB heute noch so wichtig und aus der Ausbildungslandschaft nicht wegzudenken?

Als LSB können wir in einer Vielzahl von Bereichen präventiv wirken und unsere KlientInnen zu Selbstkenntnis, gesunder Selbstfürsorge und Entfaltung vieler Potentiale begleiten. Wir können sie dabei unterstützen, ihre Beziehungen zu sich selbst und zu anderen zu verbessern. Denn wenn Menschen die wichtigen Beziehungen in ihrem Leben als gut und glücklich erleben, so erfahren sie ihr ganzes Leben als sinnvoll und glücklich, was sich unmittelbar auf ihre körperliche und seelische Gesundheit auswirkt. Das heißt, es gibt viele Möglichkeiten der beratenden Begleitung, lange bevor Krankheiten und schwerwiegende Störungen entstehen, die ärztlicher oder psychotherapeutischer Hilfe bedürfen.
Dass es in Österreich diesen breiten Fächer an Angeboten im psychosozialen Bereich gibt, erlaubt es den KlientInnen, je nach konkreter Situation und Bedarf eine sehr differenzierte Auswahl zu treffen.

 


Wir legen bei Organos sehr großen Wert auf Qualität in unseren Angeboten. Warum ist die Qualitätssicherung in der LSB Ausbildung so wichtig?

KlientInnen, die psychosoziale Beratung in Anspruch nehmen, dürfen mit Recht kompetente Hilfe erwarten. Es ist immer eine Not, die Menschen dazu bewegt, Unterstützung zu suchen. Auch wenn Lebens- und Sozialberatung kein Heilberuf ist, haben wir es doch mit sehr komplexen Lebenssituationen zu tun. Um dabei angemessen zu handeln, benötigen BeraterInnen eine umfassende Ausbildung, die ihnen theoretisches Wissen und praktische Werkzeuge vermittelt. Genauso wichtig ist auch die Schulung der Selbstreflexion, das Einbeziehen von Intervision und Supervision als ständige Bestandteile der Arbeit. Denn in der Praxis geht es darum, die Gesundheit von KlientInnen zu fördern und selbst in einer gesunden Balance zu bleiben.

Qualität in der Ausbildung sichert also die Qualität in der Praxis für alle Beteiligten.

 

Wir haben aus aktuellem Bedarf und nicht zuletzt auf Grund deiner persönlichen Erfahrungen unserem LSB Lehrgang einen Schwerpunkt in Richtung Diversity gegeben. Was bringst du als Lehrgangsleiterin in die Ausbildung ein, von dem die TeilnehmerInnen diesbezüglich einen Bonus haben?

Ich denke, das Wichtigste, das ich zu bieten habe, bin ich selbst als Mensch. Das schließt meine gesamte Lebens- und Berufserfahrung mit ein. Die Schwerpunkte dieser Ausbildung - Integration und Inklusion - kenne ich nicht nur aus der Theorie, sondern aus dem eigenen Leben. Ich habe selbst von Kindheit an in zwei Ländern, Kulturen, Sprachen gelebt, ich weiß, wie es sich anfühlt, »fremd« zu sein, und wie wichtig es ist, einen guten Platz zu finden, anzukommen, die eigene Identität zu finden und sie im Laufe des Lebens vielleicht auch wieder neu zu definieren.
Und auch der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen ist mir vertraut. Ich wuchs mit einer blinden Großmutter auf, die mich und meinen Bruder im Kindergartenalter betreute. Inklusion als Schlagwort gab es damals noch nicht und mir als Kind hätte es wohl auch nichts gesagt. Aber dass meine Großmutter keinen Funken Licht sehen konnte, auf der Straße Begleitung brauchte, zu Hause aber ganz selbstverständlich für uns kochte und mit uns spielte, hat mir gezeigt, dass Menschen mit Handicaps auch unglaubliche Stärken entwickeln können. Und es hat mich auf ganz natürliche Weise dazu geführt, meine Sinne jenseits des Sehens zu schärfen, was mir bei meiner Arbeit als Beraterin sehr zu Gute kommt.

Mein Erstberuf als Dolmetscherin wiederum hat mir eine besondere Sensibilität für Sprache und ihre Bedeutung in den menschlichen Beziehungen gegeben. Dieses Feingefühl in der Kommunikation möchte ich auch gerne mit den TeilnehmerInnen des Lehrgangs üben. So wie einer meiner Lehrer es treffend ausdrückte: »Achte vor allem darauf, was deine Worte in der Seele des Anderen bewegen!«

Last but not least würde ich hier noch meine nun schon mehr als zwanzigjährige Erfahrung mit systemischer Aufstellungsarbeit erwähnen. Dieses unglaublich vielseitige Instrument möchte ich auch den angehenden BeraterInnen nahebringen und als Werkzeug zur Verfügung stellen.

 


Mich freut in unseren Gesprächen immer deine Begeisterung für das Thema. Was bringt es dir, Lehrgangsleiterin zu sein?

In Spanien habe ich 15 Jahre lang Fortbildungsgruppen in Integrativer Systemischer Beratung geleitet. Aus dieser Erfahrung weiß ich: Einen Lehrgang zu leiten, erlaubt es mir, kreativ zu sein. Immer wieder neue Wege zu finden, mein Wissen und meine Erfahrung zu teilen.  Es fasziniert mich, andere Menschen in ihren Lernprozessen zu begleiten. Mitzuverfolgen, wie sich dadurch ihre berufliche Tätigkeit verändert und sie selbst sich weiterentwickeln.

Mit jedem Seminar lerne ich selbst wieder Neues dazu. Jede Frage, die TeilnehmerInnen aufwerfen, hilft mir, noch genauer hinzuschauen, in die Tiefe zu gehen, präziser zu formulieren. Die Erkenntnisse, die im Dialog gewonnen werden, sind für mich die wertvollsten. Im Team mit anderen KollegInnen zu arbeiten, ermöglicht Feedback und kollegialen Austausch. Den TeilnehmerInnen gibt es die Möglichkeit, von vielen verschiedenen Stilen zu lernen.

 

Danke Sylvia!

 

 

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